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SuGA-Bericht 2015

Prävention in Zeiten revolutionären Wandels: erfahren – kompetent – vorausschauend

SuGA-Bericht 2015
Foto: BAuA

Internet der Dinge, Generation Y, alternde Belegschaft en, TTIP: Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über eines dieser Themen in den öff entlichen Medien berichtet wird. Wir befi nden uns in Prozessen mit atemberaubender Geschwindigkeit. Derzeit kann niemand abschließend vorhersagen, wie sie die Arbeitswelt und die Gesellschaft beeinflussen werden.

Einleitung


Wie muss Prävention in Zeiten zunehmender Digitalisierung aussehen, damit sich Menschen am Arbeits- oder Ausbildungsplatz sicher, gesund und wohlfühlen? Es ist derzeit nicht leicht zu beantworten, welche Chancen und Risiken eine globale Digitalisierung und Vernetzung mit sich bringen werden.


In Zeiten solcher Umbrüche lohnt ein Blick in die Historie. Die gesetzliche Unfallversicherung hat sich in über 130 Jahren immer wieder mit umfassenden Veränderungsprozessen auseinandersetzen müssen und ihr Präventionshandeln an diese neuen Rahmenbedingungen angepasst. So gesehen ist die Industrie 4.0 als „vierte industrielle Revolution“ von ihrer Qualität her neu, nicht aber als umfassender Veränderungsprozess an sich. Durch die kontinuierliche Anpassung ihres Präventionshandelns an frühere industrielle Revolutionen wie Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung hat die gesetzliche Unfallversicherung heute eine Vielzahl verschiedener und ineinander greifender, moderner Werkzeuge zur Hand, die zum Beispiel mit Präventionskampagnen nicht nur weit über die traditionelle Überwachung hinausgehen, sondern auch die Überwachung selbst verändert haben.


Im jährlichen „Bericht der Bundesregierung über den Stand von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ (SuGA-Bericht) räumt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) der gesetzlichen Unfallversicherung jährlich die Möglichkeit ein, einen Ausschnitt ihrer vielfältigen Präventionsleistungen aus dem vergangenen Berichtsjahr darzustellen. Für den SuGA-Bericht 2015 wurden seitens der Unfallversicherung fünf aus den insgesamt zehn Präventionsleistungen (www.dguv.de; Webcode: d1090649) ausgewählt, die anhand praxisnaher Umsetzung im Rahmen dieses Beitrags beschrieben werden. 


Zuvor werden übergreifende Präventionsaktivitäten der gesetzlichen Unfallversicherung im Jahr 2015 dargestellt.


Übergreifende Präventionsaktivitäten 2015


Das Jahr 2015 war für die gesetzliche Unfallversicherung nachhaltig geprägt von dem, was in der öff entlichen Diskussion aktuell unter dem Stichwort Arbeiten 4.0 zusammengefasst wird. Der Wandel der Arbeitswelt, angetrieben von der Digitalisierung und dem globalen Wettbewerb, schaff t neue Rahmenbedingungen für Versicherungsschutz und Prävention.


Mit ihrer Kommentierung zum „Grünbuch Arbeiten 4.0“ des BMAS im Jahr 2015 hat die gesetzliche Unfallversicherung verdeutlicht, dass sie diesen Wandel konstruktiv begleiten wird. Risiken sollen frühzeitig erkannt und Chancen für die Gestaltung sicherer, gesunder, flexibler und inklusiver Arbeit genutzt werden. 


Wie sich die Prävention der Zukunft konkret an die Veränderungen der Arbeitswelt anpassen muss, beschreibt das Initiativpapier „Neue Formen der Arbeit – Neue Formen der Prävention“ (www.dguv.de; Webcode: d1171882) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Das Initiativpapier dient als Rahmen für in die Zukunft gerichtete Projekte und konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen und Einrichtungen der öffentlichen Hand.


Mit ihrem Positionspapier „Prävention der Zukunft: mit allen geeigneten Mitteln – nachhaltig – praxisnah“ (www.dguv.de; Webcode: d1130613) zum strategischen Rahmen der EU-Kommission für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz 2014 bis 2020 hat die DGUV in Abstimmung mit ihren Trägern 2015 Stellung bezogen. Ziel der EU-Initiative ist es, die Beschäftigten in der Union besser vor Arbeitsunfällen und beruflich bedingten Erkrankungen zu schützen sowie neue Risiken am Arbeitsplatz frühzeitig zu erkennen. Die EU-Strategie bestätigt mit ihren Zielvorgaben nicht nur die Präventionsarbeit der gesetzlichen Unfallversicherung, sondern bekräftigt sie auch, die Beschäftigungsfähigkeit älterer Beschäftigter oder Menschen mit Behinderungen durch Rehabilitation und Wiedereingliederung zu stärken oder wiederherzustellen.


„VISION ZERO. Null Unfälle – gesund arbeiten!“ heißt die neue Präventionsstrategie der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI). Der besondere Fokus liegt auf der Verhütung tödlicher Arbeitsunfälle und Erkrankungen oder schweren Verletzungen mit lebenslangen Folgen. Hinter der Strategie steht die Überzeugung, dass alle Unfälle – mit den richtigen Maßnahmen im Vorfeld – verhindert werden könnten. Das strategische Ziel ist es, die Arbeitswelt so zu gestalten, dass Menschen unfallfrei arbeiten können und die Arbeit nicht krank macht. Die BG RCI hat in einem Leitfaden sieben konkrete Ziele und Erfolgsfaktoren (www.bgrci.de; Seiten-ID: #K5GT) für die Umsetzung von VISION ZERO formuliert.


Um auf die Sicherheit von Produkten einzuwirken, bevor diese marktfähig werden, beraten Unfallversicherung, staatliche Marktüberwachung, Länder und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) Aussteller auf Messen. Aus diesen Beratungen werden wichtige Erkenntnisse zu neuen Entwicklungen, Technologien und Produktinnovationen sowie gegebenenfalls daraus resultierende Gefährdungen gewonnen. Stichprobenartige Überprüfungen zeigen mögliche Gefährdungen auf und helfen, die Produktsicherheit zu erhöhen. Das trägt dazu bei, Unfälle aufgrund mangelhafter Produkte zu vermeiden. Die 2015 von der DGUV aktualisierten „Grundsätze für die Beratung auf Messen“ (DGUV Grundsatz 300-002) fassen den gesetzlichen Auftrag, die Ziele und Zuständigkeiten der Messeberatung zusammen.


Ausgewählte Aktivitäten 2015 auf Basis der Präventionsleistungen


Präventionsleistung Anreizsysteme


Anreizsysteme sind Leistungen der Unfallversicherung, die Betriebe und öffentliche Einrichtungen motivieren sollen, sich in Sachen Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten über die gesetzlichen Pflichten hinaus zu engagieren. Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) hat für ihre Mitgliedsbetriebe ein Prämienverfahren eingeführt und belohnt Unternehmen, die über das rechtliche Soll hinaus in Sicherheitsund Gesundheitsmaßnahmen investieren. Die gezahlte Prämie dient als Beteiligung an erfolgten Investitionskosten und beträgt je Unternehmen bis zu 10.000 Euro pro Jahr. Am Prämienverfahren können Unternehmen bestimmter Unternehmensarten teilnehmen, die überdurchschnittlich hohe Unfallquoten aufweisen. Im ersten Prämienjahr 2015 haben über 400 Unternehmen der VBG am Prämienverfahren teilgenommen. Dabei wurde ein Prämienvolumen von insgesamt einer Million Euro für die Unternehmen erreicht. Mit Blick auf die Festlegung, dass 40 Prozent der Investitionskosten als Prämie ausgezahlt werden, bedeutet das eine zielgerichtete Investition der antragstellenden Unternehmen in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro (www.vbg.de).


Präventionsleistung Forschung, Entwicklung, Modellprojekte


Forschung ist die systematische Suche nach neuen Erkenntnissen unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden. Während es bei Forschung um den Erwerb neuer Kenntnisse geht, setzen sich die Entwicklung und Modellprojekte mit deren konkretisierender Anwendung sowie praktischer Umsetzung auseinander. 


Das Forschungsprojekt „Return on Prevention 2.0“ der VBG hat gezeigt, dass sich die Einführung eines Arbeitsschutzmanagementsystems (AMS) lohnt. Untersucht wurden Kosten und Nutzen von AMS für Unternehmen. Über 260 Mitgliedsunternehmen der VBG mit und ohne AMS wurden befragt. Ein Ergebnis der Befragung ist, dass AMS tendenziell zur besseren Umsetzung des Arbeitsschutzes auf einem insgesamt hohen Niveau beitragen. Dabei treten unter anderem Verbesserungen auf, wenn Sicherheit und Gesundheit auf allen Hierarchieebenen gelebt wird und einen hohen Stellenwert einnimmt. Tendenziell lassen sich mit AMS die innerbetrieblichen Arbeitsschutzziele besser erreichen und einzelwirtschaftliche Ziele auf ein höheres Niveau führen. Mit AMS in Betrieben kann sich ein Kosten-Nutzen-Verhältnis (Return on Prevention) in Höhe von 2,30 Euro ergeben (www.vbg.de).


Die ErgoKita-Studie hat gezeigt, dass die Nutzung ergonomischen Mobiliars die Anteile bestimmter Muskel-Skelett-Belastungen erheblich reduziert. Auf Basis dieser Forschungsergebnisse wurde das Folgeprojekt „MusterKita“ der Unfallkasse Rheinland-Pfalz (www.ukrlp.de) und des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) der DGUV ins Leben gerufen. Bei dem Folgeprojekt ging es darum, die erzielten Forschungsergebnisse in zwei Muster-Kitas in der Praxis umzusetzen. Dazu wurden eine ältere und eine geplante Kindertagesstätte nach neusten ergonomischen Erkenntnissen saniert beziehungsweise neu gebaut. In diesen Muster-Kitas können Verantwortliche und Beschäftigte anderer Kindertageseinrichtungen Ideen zu ergonomischen Lösungen für ihre Einrichtungen sammeln. Anschauliche Gestaltungshinweise sind auf dem Internetportal „Sichere Kita“ der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen (www.unfallkassenrw.de) zu finden.


Seit Jahren weisen die Statistiken der DGUV große Unterschiede beim Vergleich der Schülerunfallzahlen der Länder auf. Zu den Gründen der regionalen Unterschiede lagen bislang keine stichhaltigen Erklärungen vor. Daher wurde das Forschungsprojekt „Regionale Unterschiede im Unfallgeschehen der Schulen“ durchgeführt. Ziel war es, die Einfl üsse auf das Unfallaufkommen in Schulen unter dem Fokus regionaler Faktoren zu analysieren und wirksame Präventionsmaßnahmen abzuleiten. Die 2015 vorgelegten Untersuchungsbefunde zeigen, dass die regionalen Unterschiede für die allgemeinbildenden Schulen generell bestätigt werden können. 


Die Differenzen in den Unfallraten für die Bereiche Hochschulen und berufsbildende Schulen sind deutlich geringer und im Ländervergleich auch regional anders verteilt. Außerdem ereignen sich primär in den Gymnasien, Real- und Gesamtschulen bis zu zwei Drittel der gesamten Schulsportunfälle. Darüber hinaus wurde belegt, dass die Zunahme der schulischen Ganztagsangebote von besonderer Bedeutung für den Anstieg der Unfallzahlen ist. Im Abschlussbericht wird empfohlen, Schulen zur Selbstbewertung ihres Unfallgeschehens zu befähigen. Hierdurch können sie sich ein genaues Bild von den unfallträchtigen Bereichen ihrer Einrichtung machen und mit Hilfe des zuständigen Unfallversicherungsträgers wirksame Gegenmaßnahmen einleiten – ein wichtiger Beitrag für eine sichere und gesunde Schulkultur (www.dguv.de; Webcode: dp53980).


Präventionsleistung Ermittlung


Ein Kontakt mit krebserregenden Stoffen lässt sich, trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz, nicht immer vermeiden. Nach der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) ist jeder Betrieb verpflichtet, ein Verzeichnis über Beschäftigte zu führen, die durch Tätigkeiten mit krebserzeugenden, keimzellmutagenen (erbgutverändernden) oder fruchtbarkeitsschädigenden Stoff en gefährdet sind. Dieses Verzeichnis dient der Beweissicherung im Rahmen des Berufskrankheiten-Verfahrens, da berufsbedingte Krebserkrankungen noch nach Latenzzeiten (Zeitraum vom Beginn der Einwirkung bis zur Erkrankung) von durchschnittlich 40 Jahren auftreten können.


Das Verzeichnis muss Angaben zu Höhe und Dauer der Exposition enthalten und ist nach Beendigung der Exposition 40 Jahre aufzu bewahren. Den Beschäftigten ist ihr per sönliches Verzeichnis auszuhändigen. Um Betriebe zu entlasten, können sie die Aushändigungs- und Archivierungspflicht auf den zuständigen Unfallversicherer übertragen. Hierzu wurde bei der DGUV die kostenfreie Zentrale Expositionsdatenbank (ZED) eingerichtet. Betriebe können damit problemlos ihr eigenes Verzeichnis anlegen, bearbeiten und verwalten. Und sie können Beschäftigte, die mit krebserzeugenden Substanzen umgegangen sind und bereits aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, zur sogenannten nachgehenden Vorsorgemelden. Die ZED wird von den Sozialpartnern und der Wirtschaft unterstützt (www.dguv.de; Webcode: d1014446).


Präventionsleistung Qualifizierung


Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung gehören in Deutschland zu den größten Bildungsanbietern für den beruflichen Bereich. Qualifizierungsangebote richten sich an eine Vielzahl inner- und außerbetrieblicher Akteure. Auch die Aus- und Fortbildung von Ersthelferinnen und Ersthelfern stellt in diesem Zusammenhang einen bedeutenden Faktor dar. So wurden im Jahr 2015 für die Mitgliedsbetriebe fast 1,8 Millionen Personen bei einem Kostenvolumen von mehr als 52 Millionen Euro in Erster Hilfe aus- und fortgebildet. 


Die Regierung von Bangladesch hat aus dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza ihre Lehren gezogen. Das Land hat sich zum Ziel gesetzt, eine staatliche Unfallversicherung einzuführen. Dazu nahm eine bangladeschische Delegation, mit Vertreterinnen und Vertretern des staatlichen Arbeitsschutzes, der Arbeitgeber und der Beschäftigten, an einem vierwöchigen Intensivseminar am Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der DGUV teil. Kernthemen waren der soziale Dialog, die betriebliche Prävention und die gesetzliche Unfallversicherung in Deutschland. Auf der Basis des Austauschs wurde die Durchführung eines Modellprojekts vereinbart, das als Grundlage für die Errichtung einer Arbeitsunfallversicherung dienen soll. Bangladesch wird dabei von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der DGUV unterstützt (www.dguv.de; Webcode: dp113536).


Präventionsleistung Information und Kommunikation


Ohne einen zielgerichteten Transfer praxisnaher und wirksamer Präventionsprodukte und -leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung bleiben die meisten Angebote auf der Strecke, Menschen in Betrieben und Einrichtungen für mehr Sicherheit und Gesundheit zu gewinnen. Die 2015 abgeschlossene Kampagne „Denk an mich. Dein Rücken“ hatte das Ziel, bundesweit arbeitsbedingte Rückenbelastungen durch verhältnis- und verhaltenspräventive Ansätze zu verringern. Ihre Kernbotschaft lautete: Das richtige Maß an Belastung hält den Rücken gesund. Dabei stand neben Überforderung durch schwere Arbeit und Unterforderung durch Bewegungsmangel auch der Einfluss psychischer Belastungen im Fokus. Eine begleitende Evaluation hat gezeigt, dass die vielfältigen Kampagnenangebote Betriebe und öff entliche Einrichtungen mit passgenau zugeschnittenen Präventionsmaßnahmen für einen gesunden Rücken unterstützen konnten. Die Abschlussdokumentation der Kampagne steht in Form eines fi lmischen Rückblicks sowie eines Begleithefts mit ausgewählten Evaluationsergebnissen zur Verfügung (www.dguv.de; Webcode: d98649). Die nächste Kampagne wird 2017 starten und thematisieren, wie Betriebe und öff entliche Einrichtungen eine Kultur der Prävention fördern können.

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