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Zwischen den Zeilen

Behindernde Sprache


Foto: Andi Weiland, www.gesellschaftsbilder.de
Sprache über Behinderung bedeutet für viele eine Gratwanderung. Was darf ich sagen, was verletzt? Gäbe es mehr Gespräche zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, würden Wörter leichter über die Lippen gehen. Über die Macht und Chance der Sprache für eine inklusive Gesellschaft.
„Kleinwüchsige begeistern schon deshalb, weil von ihnen ein märchenhafter Zauber ausgeht. Weil sie wie Erwachsene wirken, die man in Kinderkörper gesteckt hat. Weil sie sich ähnlich komisch bewegen wie die schlaksigen Riesen Stan Laurel oder Jacques Tati. Weil ihre Stimmen piepsen, als hätten sie Helium eingeatmet.“

Mit diesen Worten wollte ein Journalist der Süddeutschen Zeitung im Juni 2016 kleinwüchsige Schauspielerinnen und Schauspieler würdigen. Offensichtlich gelang es ihm nicht, Märchenfiguren und Menschen voneinander zu unterscheiden, und sich vorzustellen, dass kleinwüchsige Menschen Derartiges nicht gerne über sich in der Zeitung lesen. Es folgte ein Sturm der Entrüstung im Internet und die Kampagne #KeinZwerg, bei der sich Betroffene zu Wort meldeten. Schließlich entschuldigte sich die Süddeutsche Zeitung.1

Die Diskussion offenbart, wie durch Sprache immer noch Machtverhältnisse zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen verdeutlicht werden. Sie zeigt aber auch, dass behinderte Menschen sich zunehmend dagegen wehren.

Behindert werden, nicht behindert sein
Vermutlich hätte es dem Journalisten der Süddeutschen Zeitung geholfen, vorher unmittelbaren Kontakt zu einem kleinwüchsigen Menschen zu haben, um nicht nur an „Zwerge“ zu denken. Dieses Beispiel belegt, dass in den Medien und in der Gesellschaft immer noch über behinderte Menschen statt mit ihnen gesprochen wird. Dass wir uns so selten begegnen, liegt auch daran, dass behinderte Menschen meist in Heimen leben, in Förderschulen lernen und in Werkstätten arbeiten.2 Dies sind Umstände, unter denen sie – ebenso wie an fehlender Barrierefreiheit – leiden.

Mit ihrer Behinderung können sie sich irgendwann arrangieren. Doch da Menschen ohne Behinderung sich das nicht vorstellen können, schreiben sie beispielsweise „er leidet an seiner Behinderung“3 oder „tapfer meistert sie ihr Schicksal“. Wer ist jedoch gern für immer der oder die Bemitleidete? Und lenkt dies nicht auch ab von Dingen, die man ändern könnte, angefangen von Stufen am Eingang? Aktivisten und Forscherinnen der Disability Studies bestehen daher darauf, dass jemand behindert wird und es nicht nur ist.

„Mit“ – nicht „trotz“ Behinderung
Medien können dadurch behindern, dass sie Vorurteile festigen. Wird etwa behinderten Menschen zugeschrieben, dass sie „gut arbeiten trotz Handicap“,4 fragen sich manche Arbeitgebende, was behinderte Angestellte denn überhaupt leisten können. Das „trotz“ des Zweifels könnte also dem „mit“ des Zustands weichen. Denn warum sollte eine rollstuhlfahrende Frau nicht – wie andere Kolleginnen auf ihren rollenden Stühlen – im Büro arbeiten? Kann ein kleinwüchsiger Mann nicht etwas anderes sein als die verkleidete Attraktion einer Veranstaltung?5 Die Arbeitslosenquote ist unter behinderten Menschen besonders hoch,6 nicht zuletzt deshalb, so der Soziologie Günther Cloerkes, weil ihnen häufig „weitere Unvollkommenheiten und negative Eigenschaften“ zugeschrieben werden.7

Auch Beschreibungen wie „die Behinderten“ grenzt sie von anderen Menschen ab. Sie werden auf ein Merkmal reduziert, die Behinderung wird quasi zur „Berufsbezeichnung“ gemacht, denn „es scheint unmöglich, dass behinderte Menschen Parlamentsmitglieder, Künstler oder Hotelangestellte sein können“, so der Pädagoge Christian Mürner.8 Daher bieten sich die Alternativen „behinderter Mensch“ oder „Mensch mit Behinderung“ an. Ähnliches ist in der positiven Berichterstattung über „Flüchtlinge“ zu beobachten, wenn Medien häufiger von den „Geflüchteten“ schreiben, was aktiver wirkt und Raum für Identifikation schafft.

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